Achillessehne

Auch: Tendo calcaneus, Fersensehne, Achilles tendon (engl.), Achillodynie (bei Beschwerden)

Was ist die Achillessehne?

Die Achillessehne ist die stärkste und dickste Sehne des menschlichen Körpers. Und gleichzeitig eine der am häufigsten verletzten bei Läufern. Sie verbindet die Wadenmuskulatur mit dem Fersenbein und überträgt bei jedem Schritt die Energie des Abstoßes auf den Boden.

Wenn sie schmerzt, merkt man schlagartig, wie zentral sie ist. Nicht abstrakt-anatomisch, sondern ganz konkret: beim ersten Schritt morgens aus dem Bett, beim Treppensteigen, beim Losjoggen. Die Sehne ist so präsent in jedem Bewegungsablauf, dass ein Problem dort alles andere dominiert.

Achillessehne auf einen Blick

  • In einem Satz: Die Achillessehne überträgt jeden Abstoß und leidet als erste, wenn das Training schneller steigt als das Gewebe sich anpassen kann.
  • Faustregel: Anlaufschmerz morgens, der sich nach ein paar Minuten auflöst — das ist kein gutes Zeichen, sondern ein frühes Signal.
  • Zahl-Anker: Sechs- bis zwölffaches Körpergewicht bei jedem Laufschritt — und Sehnen erholen sich fünfmal langsamer als Muskeln.

Warum die Achillessehne beim Laufen so gefordert ist

Jeder Laufschritt belastet die Achillessehne mit dem Sechs- bis Zwölffachen des Körpergewichts. Bei einem 70-Kilogramm-Menschen, der bei einem Marathon rund 35.000 Schritte macht, ergibt das eine Gesamtlast, die schwer vorstellbar ist. Normalerweise kommt die Sehne damit problemlos zurecht, weil sie genau dafür gebaut ist: Zugkräfte aufzunehmen und Energie zu speichern wie ein gespannter Bogen, der sie beim Abstoß wieder freigibt. Wie gut diese elastische Rückgabe funktioniert, hängt auch davon ab, wie kurz die Bodenkontaktzeit ist - je reaktiver der Schritt, desto mehr dieser Energie gelangt tatsächlich in den Vortrieb.

Das Problem ist nicht die Kraft, die sie verträgt, sondern das Verhältnis von Belastung zu Anpassungszeit. Sehnen erholen sich langsamer als Muskeln - viel langsamer. Während die Wadenmuskulatur nach einem harten Training binnen weniger Tage regeneriert, braucht das Sehnengewebe Wochen. Wer sein Trainingsvolumen zu schnell steigert, überfordert die Sehne, ohne es sofort zu merken. Die Beschwerden kommen verzögert. Das ist das Heimtückische: die Rechnung kommt später.

Dazu kommt eine anatomische Eigenheit: Der mittlere Abschnitt der Sehne, der sogenannte avaskuläre Bereich, wird kaum direkt durchblutet. Nährstoffe und Sauerstoff gelangen dort nur über die umgebende Sehnenscheide und Diffusion an. Das macht den mittleren Abschnitt träge in der Heilung - und erklärt, warum Achillessehnenprobleme, wenn sie einmal da sind, so hartnäckig sein können.

Wie sie gebaut ist und was dabei schiefgehen kann

Die Sehne besteht hauptsächlich aus Kollagenfasern vom Typ I, die parallel ausgerichtet sind und damit eine hohe Zugfestigkeit bieten — aber wenig Toleranz für schnelle Überlastung. Ihre biomechanische Aufgabe beim Laufen ist elegant: Während der Fuß aufkommt, wird die Sehne gedehnt und speichert elastische Energie. Beim Abstoß gibt sie diese Energie zurück und macht so jeden Schritt effizienter, als er es rein muskulär wäre. Schätzungen gehen davon aus, dass dieser Federmechanismus bis zu 40 Prozent der für den Schritt benötigten Energie liefert.

Was dabei schieflaufen kann, lässt sich nach Ort und Ursache unterscheiden.

Die Midportion-Tendinopathie betrifft den mittleren Abschnitt der Sehne, etwa zwei bis sechs Zentimeter oberhalb des Fersenbeins. Sie ist die häufigste Form bei Läufern, zeigt sich als Verdickung der Sehne und ist morgens beim ersten Aufstehen häufig besonders schmerzhaft. Nach einigen Minuten Bewegung bessert sich der Schmerz oft — was viele dazu verleitet, einfach weiterzulaufen.

Die Insertionstendinopathie sitzt direkt am Ansatz der Sehne am Fersenbein. Hier reagiert die Sehne empfindlicher auf Dehnübungen und auf Schuhwerk, das am Fersenbein reibt. Manche professionellen Schuheinlagen, die bei der Midportion-Variante helfen, können diese Form verschlimmern.

Ein Achillessehnenriss ist zum Glück selten, aber ein medizinischer Notfall. Er tritt häufig bei plötzlichen explosiven Bewegungen auf — ein Sprung, ein Sprint — oft bei vorgeschädigter Sehne und oft bei Männern über vierzig. Der Moment wird als lauter Knall beschrieben, wie ein Peitschenschlag, gefolgt von sofortiger Unfähigkeit, auf den Zehenspitzen zu stehen. Hier kommt nur eines in Frage: sofort zum Arzt, keine Selbstbehandlung.

Was die Forschung zeigt - und wo sie sich einig ist

Sportmedizin, Physiotherapie und die naturheilkundliche Tradition stimmen in einem Punkt überein: Sehnengewebe braucht mechanische Reize, um sich zu reparieren und zu stärken. Vollständige Ruhe ist selten die Antwort.

Die sportmedizinische Forschung hat dafür in den letzten zwanzig Jahren klare Belege geliefert. Das exzentrische Wadenheben - eine Übung, bei der die Wade unter Spannung verlängert wird 1 gilt nach einer schwedischen Studie von Alfredson et al. aus dem Jahr 1998 als der am besten belegte Ansatz für die Midportion-Tendinopathie. Dreiundvierzig Läufer, die ein zwölfwöchiges exzentrisches Programm absolvierten, kehrten alle zu ihrem ursprünglichen Leistungsniveau zurück. Die Kontrollgruppe, die konventionell behandelt wurde, schnitt deutlich schlechter ab. Seitdem ist diese Studie repliziert worden, die Grundaussage blieb stabil.

Was dieses Konzept mit älteren Heiltraditionen verbindet, ist die Idee der dosierten Belastung. In der traditionellen chinesischen Medizin werden Sehnenprobleme im Leber-Kanal verortet - die Leber "nährt" die Sehnen, und ihre Schwächung zeigt sich in Trockenheit und Steifheit der Verbindungsstrukturen. Die Behandlung setzt auf Wärme, sanfte Bewegung und den Aufbau des Leber-Qi, was funktional mit dem westlichen Konzept der Durchblutungsförderung und der progressiven Belastung übereinstimmt. Die Sprache ist eine andere, das Prinzip nicht.

Die europäische Kräutermedizin setzt bei Sehnenproblemen seit Jahrhunderten auf Beinwell (Symphytum officinale), der den deutschen Volksnamen "Beinwurz" trägt - weil er Knochen und Sehnen einigt. Der Wirkstoff Allantoin fördert die Zellteilung und damit die Gewebereparatur, was durch neuere Studien gestützt wird. Äußerliche Anwendung als Salbe oder Umschlag ist etabliert, innerliche ist wegen der enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide nicht empfohlen.

Arnika wirkt entzündungshemmend und abschwellend und eignet sich besonders in der frühen Phase - als Salbe oder Tinkturumschlag. Beide Kräuter sind keine Konkurrenz zu strukturiertem Krafttraining, sondern Ergänzung, vor allem wenn das Training in der akuten Phase reduziert werden muss und Unterstützung bei der Gewebeheilung gefragt ist.

Widersprüche, die man kennen sollte

Cortison-Spritzen waren lange eine gängige Behandlungsoption. Studien zeigen inzwischen, dass sie zwar kurzfristig den Schmerz reduzieren, die Sehnenstruktur aber schwächen und das Rückfallrisiko erhöhen können. Was sich schnell gut anfühlt, kann die langfristige Prognose verschlechtern. Viele Sportorthopäden rücken davon ab; wenn jemand eine Cortisongabe in die Sehne selbst anbietet - nicht in die Sehnenscheide ringsum - ist kritische Nachfrage angebracht.

Ähnlich ambivalent ist das Thema Kühlung. Eis lindert akuten Schmerz, kann aber die Entzündungsreaktion hemmen, die für die Heilung des Sehnengewebes notwendig ist. Moderate Kühlung in den ersten 24 bis 48 Stunden nach einer akuten Überlastung ist sinnvoll - dauerhafte Eisanwendungen weniger.

Bestimmte Antibiotika der Fluorchinolongruppe (zum Beispiel Ciprofloxacin) können die Kollagenstruktur von Sehnen direkt schädigen und das Rissrisiko erheblich erhöhen. Wer solche Mittel nehmen muss, sollte intensives Lauftraining vorübergehend pausieren und den behandelnden Arzt informieren.

Was wirklich hilft - und wie man es richtig angeht

Die wichtigste praktische Erkenntnis ist die Früherkennung. Wer auf die ersten Warnsignale reagiert, braucht häufig nur eine Woche Anpassung. Wer sie ignoriert, braucht oft drei Monate - oder länger. Das Beste, was du tun kannst, ist, das Signal ernst zu nehmen, bevor du es gar nicht mehr überhören kannst.

Warnsignal der ersten Stufe: Steifheit der Sehne morgens, die sich nach ein paar Minuten auflöst. Leichtes Ziehen zu Beginn des Laufs, das sich beim Warmlaufen gibt. Das sind Zeichen, dass die Sehne gereizt ist, aber noch nicht strukturell geschädigt. Jetzt hilft: Umfang und Intensität für eine bis zwei Wochen reduzieren, mehr Dehnung, kein Intervalltraining, kein Bergauflaufen.

Warnsignal der zweiten Stufe: Schmerz, der sich beim Laufen nicht auflöst. Tastbare Verdickung der Sehne. Druckschmerz. Das bedeutet: Laufpause, Physiotherapie, exzentrisches Krafttraining. Kein Durchbeißen.

Dritte Stufe: Schmerzen in Ruhe, Schmerzen beim Treppensteigen, keine Besserung nach zehn bis vierzehn Tagen Pause. Hier ist ärztliche Abklärung - Sportorthopäde, Ultraschall - unumgänglich. Eine Stoßwellentherapie kann bei chronischen Verläufen wirksam sein; die Datenlage ist besser als ihr Ruf.

Das exzentrische Wadenheben ist die Hausaufgabe, die nicht verhandelbar ist. Fußballen auf eine erhöhte Stufe, Ferse hängt frei. Mit beiden Beinen hochdrücken, dann das Gewicht auf ein Bein verlagern und die Ferse kontrolliert über die Ausgangslage hinaus absenken — drei bis fünf Sekunden. Zurück mit beiden Beinen. Dreimal fünfzehn Wiederholungen, zweimal täglich, mindestens zwölf Wochen. Die Übung sollte ein Zugspannungsgefühl erzeugen, aber keinen stechenden Schmerz. Wer mit Kniebeugung arbeitet (leicht gebeugtes Knie beim Absenken), trifft den tiefer liegenden Soleus-Muskel, der ebenfalls direkt an der Sehne ansetzt.

Regelmäßiges Dehnen der Wadenmuskulatur — besonders nach dem Laufen, wenn die Muskeln warm sind - senkt den Dauerzug auf die Sehne. Mindestens 45 Sekunden pro Seite, täglich, nicht nur an Lauftagen.

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graph LR
A[Laufbelastung] --> B[Sehne speichert Energie]
B --> C[Abstoß: Energie wird freigegeben]
C --> D[Effizienter Schritt]
B --> E[Zu schnelle Steigerung?]
E --> F[Mikrorisse im Sehnengewebe]
F --> G[Entzündung, Schmerz]
G --> H{Reaktion}
H --> I[Früh reagiert: 1-2 Wochen Anpassung]
H --> J[Ignoriert: 3+ Monate Zwangspause]
::

Was passiert, wenn man es nicht ernst nimmt

Die Chronifizierung ist das eigentliche Risiko. Eine akute Reizung, die konsequent ignoriert wird, verändert langfristig die Sehnenstruktur. Aus gesundem, parallelem Kollagengewebe wird ungeordnetes, minderwertiges Reparaturgewebe - eine Tendinose, die schlechter auf Belastung reagiert als die ursprüngliche Sehne. Dieser Übergang ist schleichend und ohne bildgebende Diagnostik von außen nicht sicher zu erkennen.

Chronische Achillessehnenprobleme begleiten manche Läufer über Jahre. Nicht weil die Sehne grundlegend kaputt wäre, sondern weil der Kreislauf aus Belasten, Schmerzen, kurzer Pause, wieder Belasten sich immer wiederholt - ohne dass die Sehne jemals die Zeit bekommt, sich wirklich aufzubauen. Das exzentrische Programm bricht diesen Kreislauf, weil es gezielt die Kollagenstruktur reorganisiert. Aber es braucht Konsequenz über Wochen, nicht Tage.

Eine erzwungene Pause wegen Achillessehnenproblemen ist auch eine Einladung, das Training zu überdenken. Warum ist es dazu gekommen? Zu schnelle Volumenerhöhung? Umstellung des Fußaufsatzes auf Mittelfußlaufen oder Barfußlaufen ohne ausreichende Vorbereitung? Zu wenig Dehnen? Zu alte Schuhe? Die Antwort ist fast immer, dass die Belastung schneller gestiegen ist als die Anpassungsfähigkeit des Gewebes.

Fanny Theymann – Autorin LightRunning

Fanny Theymann

Fanny Theymann ist Marathonläuferin und Lauf-Coach — sie begleitet Menschen dabei, durch Laufen und Gewohnheitsänderung nachhaltig abzunehmen.

Häufige Fragen

Quellen

  1. Alfredson, H., Pietilä, T., Jonsson, P., Lorentzon, R. (1998). Heavy-load eccentric calf muscle training for the treatment of chronic Achilles tendinosis. American Journal of Sports Medicine, 26(3), 360–366. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9617396/

  2. Beyer, R. et al. (2015). Eccentric versus concentric quadriceps training in patellofemoral pain syndrome. Clinical Orthopaedics and Related Research, 473(9), 2930–2941.

  3. Maffulli, N., Sharma, P., Luscombe, K. L. (2004). Achilles tendinopathy: aetiology and management. Journal of the Royal Society of Medicine, 97(10), 472–476. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1079614/

  4. van der Plas, A. et al. (2012). A 5-year follow-up study of Alfredson's heel-drop exercise programme in chronic midportion Achilles tendinopathy. British Journal of Sports Medicine, 46(3), 214–218. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/22075719/


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