Auch: Gratitude, Wertschätzung, Dankbarkeits-Praxis, Lauf-Dankbarkeit
Was ist Dankbarkeit beim Laufen?
Dankbarkeit beim Laufen ist die bewusste Haltung, wahrzunehmen, was der Körper gerade kann — statt sich auf das zu konzentrieren, was er noch nicht schafft oder heute schlechter kann als letzte Woche. Wer diese Haltung entwickelt, erlebt denselben Lauf anders: nicht als Pflichterfüllung, sondern als etwas, das man darf.
Ein paar Herbste sind inzwischen vergangen seit dem Lauf, der mir das klargemacht hat. Ich war in einer Phase, in der ich viel trainiert habe — regelmäßig, nach Plan, mit Pace-Tabelle auf dem Handgelenk. Und innerlich war ich trotzdem die meiste Zeit woanders. Beim nächsten Lauf, beim letzten, beim Vergleich. Mein Gedankenkalender war voller als mein Laufkalender. Und dann diese eine Ausfahrt, bei der nichts stimmte: die Beine schwer, das Tempo eine Katastrophe, der Kopf schon beim nächsten Training, das ich hoffentlich besser hinbekommen würde. Irgendwo bei Kilometer 5 blieb ich kurz stehen, nicht wegen Seitenstechen, sondern weil mir auffiel, wie absurd das war. Ich lief. Meine Knie trugen mich. Die Luft schmeckte nach Erde und nassem Gras. Und ich war bei meiner To-Do-Liste.
Dieser Moment hat etwas verändert.
Dankbarkeit auf einen Blick
- In einem Satz: Dankbarkeit beim Laufen bedeutet, den Körper wahrzunehmen, der gerade trägt — statt nur zu zählen, was ihm noch fehlt.
- Faustregel: Drei Atemzüge vor dem Losrennen, und die Frage: Was kann mein Körper heute? Das reicht als Einstieg.
- Mini-Ritual: Ein Satz nach dem Lauf ins Lauftagebuch: „Wofür war ich heute dankbar?“ — nicht poetisch, nur ehrlich.
Warum der innere Kritiker beim Laufen so laut wird
Läufer sind häufig hart zu sich selbst. Ich auch, kein Vorwurf. Man vergleicht das Tempo von heute mit dem von vor drei Wochen, grübelt über den Lauf, den man wegen Regen abgebrochen hat, und fragt sich beim nächsten Start, ob das hier überhaupt Sinn ergibt. Dieses Muster sitzt tief, weil Laufen als Sportart Fortschritt belohnt. Bestzeit, mehr Kilometer, härteres Training — immer mehr, immer weiter.
Das ist motivierend. Und gleichzeitig macht es blind für das, was schon da ist.
Dankbarkeit ist kein Gegenprogramm zu Ehrgeiz. Sie ist eher ein Korrektiv dazu — ein zweites Messinstrument neben dem GPS. Wenn der Ehrgeiz dafür sorgt, dass ich jedes Training bewerte und jede Pause als Rückschritt erlebe, dann hilft Dankbarkeit dabei, die Perspektive zu weiten. Ich laufe überhaupt. Mein Herz schlägt. Die Beine machen das. Das klingt banal, das weiß ich. Aber wer einmal eine Verletzung hatte, die das Laufen für Wochen unmöglich gemacht hat, weiß, wie wenig selbstverständlich das ist.
Laufen können ist kein Naturrecht. Es ist etwas, das man meistens erst bemerkt, wenn es weg ist.
Was Dankbarkeit im Körper auslöst
Ich bin auf die Forschung dazu gestoßen, als ich mich nach meiner ersten längeren Verletzungspause gefragt habe, warum sich meine Laune beim Laufen so von Grund auf verändert hatte — weg von der Verbissenheit, hin zu etwas, das ich damals nicht benennen konnte. Die Antwort hatte einen neurobiologischen Kern.
Wenn man Dankbarkeit wirklich spürt, werden Dopamin und Serotonin ausgeschüttet; der präfrontale Cortex, der für positive Emotionen und Impulskontrolle zuständig ist, wird aktiver; die Amygdala, die Alarmanlage des Gehirns, beruhigt sich.1 Stress nimmt ab, nicht als Versprechen, sondern als physiologischer Effekt. Ich habe mir damals gedacht: Das ist im Grunde dasselbe, was ich beim Laufen schon erlebe, wenn ich nicht gerade mit meiner Pace-Tabelle streite.
Emmons und McCullough, zwei Psychologen der UC Davis, haben das 2003 in einer Studie untersucht, die mich überrascht hat: Wer zehn Wochen lang täglich bewusst aufschrieb, wofür er dankbar war, berichtete danach von deutlich mehr positiven Emotionen und einem höheren Wohlbefinden als eine Kontrollgruppe — und von körperlich weniger Beschwerden.2 Das liegt an Neuroplastizität: Das Gehirn trainiert, wofür es regelmäßig Aufmerksamkeit aufwendet. Wer das Gute bewusst wahrnimmt, macht die Wahrnehmung des Guten mit der Zeit leichter. Nicht als Schönreden, als echtes Retraining.
Das verbindet Dankbarkeit direkt mit Achtsamkeit — beide Praktiken holen die Aufmerksamkeit in den gegenwärtigen Moment zurück. Der Unterschied liegt im Fokus: Achtsamkeit nimmt wahr, was ist; Dankbarkeit bewertet das Wahrgenommene als etwas Wertvolles. Im Laufen greifen die beiden ineinander, sobald man aufhört, seinen Atem zu zählen, und anfängt, ihn zu hören.
Kurze Neurobiologie dahinter
Der präfrontale Cortex ist die Region, die das Gehirn bei Entscheidungen, Impulskontrolle und der Bewertung von Erfahrungen einsetzt. Dankbarkeit aktiviert diese Region auf eine Art, die mit der Verarbeitung sozialer Belohnung vergleichbar ist — das Gehirn registriert eine Art Gewinn, auch wenn der Gewinn nicht materiell ist. Gleichzeitig dämpft die erhöhte Serotonin-Ausschüttung die Aktivität der Amygdala, die sonst für das Stressmuster „bewerten, vergleichen, mangeln“ zuständig ist. Das erklärt, warum Dankbarkeits-Praxis nicht nur die Stimmung hebt, sondern auch die Stressreaktion auf Rückschläge mildert: schlechte Trainingsläufe, Verletzungen, verpasste Ziele.
Wie Dankbarkeit im eigenen Lauf einen Platz findet
Es fängt nicht mit einem Programm an. Mit einem Ritual schon, aber einem kleinen.
Vor dem Lauf: drei Atemzüge und eine ehrliche Bestandsaufnahme. Nicht optimistisch, nicht schönredend, einfach: Was ist heute da? Schmerzt etwas? Okay. Und was trägt mich heute — die Beine, der Morgen, die Strecke? Diese drei Atemzüge kosten dreißig Sekunden, und ich habe noch keinen Lauf erlebt, der davon schlechter geworden ist.
Während des Laufs gibt es eine Übung, die ich aus der Körper-Scan-Tradition kenne und die ich über die Jahre für das Laufen adaptiert habe: gedanklich durch den Körper gehen, von den Füßen hoch, und an jeder Station kurz stoppen. Nicht lang — ein halber Atemzug. Füße tragen mich, Knie halten durch, Lunge arbeitet, Herz schlägt. Das ist gleichzeitig eine Atemtechnik und eine Dankbarkeitsübung; beides auf einmal, mitten im Lauf, ohne dass man dafür aufhören muss. Und wenn der Kopf dabei abschweift (was er tut, immer), ist der Atem der Anker zurück.
Nach dem Lauf lohnt sich ein kurzer Eintrag ins Lauftagebuch — nicht nur Distanz und Pace, sondern ein Satz: „Wofür war ich heute dankbar?“ Das muss nicht poetisch sein. „Dass die Sonne bei Kilometer 3 rauskam“ reicht vollständig. Das Gehirn lernt, wofür es Aufmerksamkeit aufwendet.
Und bei einem wirklich harten Lauf, wenn die Beine brennen und nichts stimmt, hilft manchmal eine andere Frage: Was zeigt mir das? Nicht: Was war schön? Sondern: Was kann ich aus diesem Lauf mitnehmen? Manchmal ist die Antwort schlicht Resilienz. Das ist auch eine Form von Wertschätzung für das, was gerade passiert. Meditation und Dankbarkeit greifen hier ineinander, weil beide Praktiken auf die Akzeptanz des Moments zielen — nicht auf seine Veränderung.
Ich habe lange gebraucht, bis ich gemerkt habe: Dankbarkeit funktioniert nicht als Aufgabe. „Ich MUSS jetzt dankbar sein“ — das erzeugt Widerstand, zuverlässig. Was wirkt, ist ein kleiner Riss im Automatismus. Ein Moment, bevor ich losrenne, in dem ich dreimal tief einatme und frage: Was kann mein Körper heute? Das reicht manchmal für alles.
Wenn Dankbarkeit zur Last wird
Es gibt einen realen Unterschied zwischen echter Wertschätzung und dem, was Psychologen „Toxic Positivity“ nennen: der erzwungenen Forderung, immer und unter allen Umständen dankbar zu sein. „Ich bin verletzt — aber ich MUSS dankbar sein, dass ich überhaupt laufen durfte!“ Das ist kein Dankbarkeitsgefühl. Das ist emotionale Unterdrückung, und sie erschöpft, weil sie Energie kostet, die das Traurigsein für sich beanspruchen will. Negative Gefühle dürfen da sein: Frust nach einem gebrochenen Saisonziel, Enttäuschung über eine Verletzung, das dumpfe Gefühl nach einem Lauf, der einfach nicht stimmte. Man muss das nicht wegdanken.
Echte Dankbarkeit schließt das Schwierige nicht aus — sie besteht parallel dazu. Man kann frustriert sein, dass der Lauf heute schlecht war, UND gleichzeitig dankbar sein, dass man überhaupt gelaufen ist. Das ist kein Widerspruch, das ist Menschsein mit all seinen Schichten.
Ich finde auch die stoische Perspektive hier hilfreich, auch wenn Stoizismus nicht unbedingt zum Laufvokabular gehört. Amor fati, die Liebe zum Schicksal, bedeutet nicht, alles als Geschenk zu bezeichnen, sondern das Gegebene so anzunehmen, dass man mit ihm arbeiten kann. Nicht Dankbarkeit als Haltung gegenüber dem Guten, sondern als Haltung gegenüber dem Wirklichen. Das ist ein anderer Zugang, aber er führt am Ende an denselben Ort. Im Buddhismus heißt die verwandte Praxis Mudita — Mitfreude, die Fähigkeit, sich über das Gute zu freuen, ohne es besitzen zu müssen. Auch das ist Dankbarkeit, nur ohne den Besitzanspruch.
Manchmal ist die ehrlichste Haltung: Heute ist nichts dran zum Danken. Heute war es einfach zäh. Das ist auch in Ordnung.
Dankbarkeit ist keine tägliche Pflichterfüllung. Sie ist eine Einladung.
Wer unter anhaltender Antriebslosigkeit, dauerhaften Stimmungstiefs oder dem Gefühl leidet, dass gar nichts mehr Freude macht — auch nicht das Laufen — sollte das ernst nehmen. Dankbarkeits-Praxis ist eine Unterstützung für gute Phasen und leichte Tiefs, kein Ersatz für professionelle Begleitung, wenn es ernster wird.
Für dein Lauferleben
Wenn dich das Thema Dankbarkeit im Laufen weiter beschäftigt: Ich habe eine geführte Lauf-Meditation aufgenommen, die genau hier ansetzt — bei den ersten Minuten eines Laufs, wenn der Kopf noch im Alltag ist und der Körper schon draußen. Sieben Minuten, nur Stimme, kein Programm. Falls du magst, hör einfach rein.
Die geführte Audio-Meditation für die ersten Kilometer — für den Moment, in dem aus „ich muss“ ein „ich darf“ werden soll.
Häufige Fragen
Was bedeutet Dankbarkeit beim Laufen konkret?
Dankbarkeit beim Laufen bedeutet, bewusst wahrzunehmen, was der Körper gerade leisten kann — statt sich auf Defizite oder Rückstände zu konzentrieren. Das kann so klein sein wie ein Atemzug vor dem Start, bei dem man sich fragt: Was trägt mich heute?
Wie fange ich mit einer Dankbarkeits-Praxis als Läufer an?
Der einfachste Einstieg ist ein Satz nach dem Lauf: „Wofür war ich heute dankbar?“ Das kann ins Lauftagebuch, kann auch nur gedacht werden. Drei Wochen lang täglich — und das Gehirn beginnt, dieses Muster zu trainieren.
Ist Dankbarkeit dasselbe wie positives Denken?
Nein. Positives Denken verdrängt Schwieriges; Dankbarkeit lässt beides zu — das Schwere und das Gute. Man kann frustriert über einen schlechten Lauf sein und gleichzeitig dankbar sein, dass man gelaufen ist. Das ist kein Widerspruch.
Hilft Dankbarkeit gegen den inneren Kritiker beim Laufen?
Sie schwächt ihn nicht ab, aber sie setzt ein Gegengewicht. Wer regelmäßig wahrgenommen hat, was gut ist, hat mehr Ressourcen, wenn der innere Kritiker laut wird. Emmons und McCullough zeigten in ihrer Studie, dass schon zehn Wochen täglicher Dankbarkeits-Praxis die positiven Emotionen messbar erhöhen.2
Was hat Dankbarkeit mit Achtsamkeit zu tun?
Beide Praktiken holen die Aufmerksamkeit in den gegenwärtigen Moment. Der Unterschied: Achtsamkeit nimmt wahr, was ist; Dankbarkeit bewertet das Wahrgenommene als wertvoll. Im Laufen greifen die beiden ineinander — der Atem ist der Anker für beides.
Kann ich Dankbarkeit mit Affirmationen verbinden?
Ja — und das ist häufig wirkungsvoller als beides einzeln. Eine Affirmation wie „Mein Körper trägt mich“ gewinnt eine ganz andere Qualität, wenn sie nicht als Wunschdenken gesprochen wird, sondern als echte Beobachtung im Moment des Laufens.
Quellen
Liebe läuferische Grüße — deine Fanny
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Fox, G. R. et al. (2015). Neural correlates of gratitude. Frontiers in Psychology, 6, 1491. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2015.01491 ↩
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Emmons, R. A. & McCullough, M. E. (2003). Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389. https://doi.org/10.1037/0022-3514.84.2.377 ↩↩